Der Anzug:

 

Wie die meisten Biker meiner Generation, begann ich mein ernsthaftes Motorrad Reisen  in einem Lederanzug.

Jeder wusste um die Sicherheit die solch ein, damals richtig teueres Teil, bieten konnte. Auf dem Asphalt dahin rutschen und dabei seine, zum heißen Brei gescheuerte Jeans tief im eigenen Hautgewebe zu verkleben. Vom Körper gerissene Klamotten die den Weg frei geben für Steine und anderen Strassen Schmutz. Dabei deinen bloßen Leib nachhaltig mit einer atemberaubenden Asphalträude zu überziehen.

 

Dagegen wirkt in den meisten Fällen ein guter Lederanzug. Als Overall oder Zweiteiler. Das Angebot geht vom leichten Sommer- bis zum Rennanzug mit Airbag. Der Zweiteiler bietet die Möglichkeit, Jacke und Hose mittels Reißverschluss zu verbinden und ist in manchen Situationen vorteilhafter. Wenn man nur mal die Jacke verwenden möchte. Wenn man in der Pause, die Jacke einfach beim Moped lassen möchte. Wenn du dringender auf's Klo muss als die Leute, die schon vor dir in der Reihe stehen. Wenn dieser Anzug dann auch noch perfekt passt, fixiert er schützende Protektoren am benötigten Platz um harte Stöße an gefährdeten Knochen und Gelenken zu dämpfen. Das ist ein einleuchtender Vorteil! 

 

Gegen den Lederanzug spricht sein Gewicht, die Steifigkeit die dich zu Gorilla ähnlichem Gang zwingt und seine Gabe, sich mächtig auf zu heizen in der Sonne. Gegen diese Nachteile gibt es natürlich auch eine Lösung. Wie meist, eine teure! 

 

Das Zauberwort heißt Känguru Leder! Das, nicht vom Aussterben bedrohte, Känguru besitzt keine Schweißporen und somit eine deutlich festere Hautfaservernetzung. Damit reißt das Leder nicht so schnell und entwickelt eine wesentlich höhere Abriebfestigkeit im Vergleich mit üblicherweise verwendetem Rindsleder. Das schafft die Möglichkeit, weit dünneres Leder zu verarbeiten. Dieses kühlt besser, ist natürlich spürbar leichter und komfortabler. Känguru Leder soll auch 50% weniger Wasser aufnehmen. Gibt es Nachteile? Na klar gibt es die!

Der hohe Preis und die geringere Wärmeisolierung.

 

Ich wählte damals, wohl auch aus finanziellen Gründen, einen Anzug aus glücklicher Rinderhaltung und machte damit meine ersten Tourenerfahrungen. 

 

Ein Fallbeispiel! Wolken drohen vom Himmel und Zweifel kommt auf ob das ein ernster Regen, oder nur ein harmloser Schauer wird. 

 

Version eins:

Rechtzeitig ziehe ich meinen Vollplastik Regenschutz, im Volksmund Ganzkörperkondom genannt, über den Lederanzug. Nichts passiert.

Die Sonne setzt sich durch und gewinnt den Kampf mit den störenden Wolken. Ich aber bin völlig durchnässt. 

Mein Schweiß erledigte die Arbeit des Regens mit der selben Hingabe und Wirkung. Zudem wurde ich sehr durstig. 

 

Version 2:

Ich glaube das wird nichts Ernsthaftes und fahr optimistisch weiter. "Ausserdem schaut es da hinten ohnehin schon wieder viel heller aus"!

Zwei Kilometer später ergießt sich ein Wolkenbruch über mich der meinen schönen Anzug durchdrungen feucht und unangenehm schwer macht. Endlich eine Parkmöglichkeit!

Mühsam den Regenanzug über die sperrige Lederkombi gezerrt und ein, durch Regenwasser und Schweiß erzeugtes Körperklima geschaffen, welches eine deutliche Steigerung auf meiner persönlichen Ungemütlichkeits Skala bewirkt. 

 

Version 3:

Meist viel zu früh den Regenanzug anziehen. Bei erkanntem Fehlalarm und drohendem Schweißausbruch schnell wieder ausziehen um ihn bei bald aufkeimender Unsicherheit doch hurtig wieder anziehen zu wollen und in dieser Art, begleitende Bikerkollegen in Textilanzügen an die Grenze des Wahnsinns zu treiben. 

 

Denn diese Schlaumeier haben die andere Möglichkeit gewählt. Die, wie ich behaupte, für Touren besser geeigneten Textilanzüge.

Diese werden meist aus abriebfestem Cordura gefertigt! Dieser Anzug hat schon mal den generellen Vorteil, leichter, luftiger und durch seine individuellere Anpassbarkeit, komfortabler zu sein als dickes Leder. Idealerweise trägt man unter einem GoreTex Anzug auch Funktions Unterwäsche. Dann kann Schweiß vom Körper weg und durch die Klimamembrane an die Umgebungsluft abgegeben werden.

 

Ein guter GoreTex Anzug macht weniger Sinn, wenn man darunter voll geschwitzte Baumwoll Wäsche tragt. Dazu noch die etwas teurere Funktions Wäsche mit Silber Behandlung gewählt und auch die kleinen Bakterientierchen können nicht so ungehemmt Stinken und dich einsam machen. Ein weiterer Vorteil der Textilanzüge ist, dass meist, zur Steigerung der Sicherheit, deutlich mehr reflektierende Designelemente verwendet werden und sie dadurch in der Nacht oder bei schlechter Sicht, vom übrigen Verkehr weit besser wahrgenommen werden.

Auch bei diesen Anzügen gibt es natürlich unterschiedliche Möglichkeiten zur Auswahl. Grob gesehen kann man aber schon zwei generelle Einteilungen machen.

 

Die kostengünstigere Version mit auszippbarem GoreTex Laminat welches bei Regen und kalter Aussenluft als innerste Schicht vor der Funktionsbekleidung ein- und bei trockenem Wetter ausgezippt bleibt und im Gepäck verstaut wird. Das selbe passiert mit dem wattierten, wärmenden Steppgewand ( Jacke und Hose ). Auch Dieses kann bei Bedarf ein- oder ausgebaut werden. Damit kann man den Anzug auf die nötigen Bedingungen adaptieren. 

 

Mittels wohl durchdachten und verschließbaren Kühl Öffnungen luftiger bei Sonne, warm und dicht bei Schmuddelwetter. Der Nachteil: Lästiges Gefriemel und Gezippe mit den Anzug Bestandteilen und die Notwendigkeit, die Aussenhaut periodisch zu imprägnieren. 

Das führt bei leichten, kurzen Regengüssen zum erhabenen Effekt, dass man, während die Lederfraktion weinerlich nach einem trockenen Unterstand sucht, mit breiten Schultern und erhobenem Haupt weiter fährt. Die nächste, halbstündige Trockenphase bläst dann die aufgenommene Feuchtigkeit wieder aus dem Anzug. 

 

Bei schwerem, anhaltendem Regen wird das allerdings schon etwas unangenehmer. 

Irgendwann lässt die hart beanspruchte Imprägnierung meist im Schritt und an den exponierten Stellen, das Wasser durch. Der Anzug säuft sich voll und wird dabei immer schwerer und schwerer. Natürlich verhindert das rechtzeitig eingezippte GoreTex Laminat ein völliges Durchdringen des Regens bis zur Haut. Allerdings wirkt der schwere, feuchte Anzug bald als Kältebrücke und macht die Fahrt unangenehm und dadurch auch unsicher.

Kalt und steif wird man und das bildet auch eine große Gefahr für die Konzentration und Reaktion. Das passierte mir auch mal im Hochsommer, auf dem Gaviapass, dem Stilfserjoch und den Dolomiten. Innerhalb einer Stunde fuhr ich aus 31°C in ein Wetterloch von 9°C mit Graupelschauer und Regen. Da musste ich dann durch. Weil ich noch nicht am Tagesziel war und gerne auf eine Freiluft Übernachtung auf über 2000 Höhenmetern verzichten konnte. 

 

Besser geeignet finde ich daher die erkennbar teureren Anzüge mit fix eingebauter Z-Liner Klima Membrane und wasserdichten Reißverschlüssen. Diese Membrane wird meist schon als zweite Schicht, gleich unter der äussersten Stofflage des Anzuges, fix im Gewebe verankert und lässt dem gemeinen Wassertropfen, welcher etwa 20.000 mal größer ist als eine Gewebepore, gar nicht erst tiefer in das Material eindringen. 

Das schafft im Regen und in der kühlen Luft ein angenehmes Körperklima. Denn diese Hersteller verwenden meist auch deutlich hochwertigere Membrane, welche luftdurchlässiger und somit atmungsaktiver sind. Körperliches Wohlbefinden ist ganz besonders beim Motorradfahren ein großer Sicherheitsfaktor! Das ist ein perfekter Anzug im Temperaturbereich bis etwa 25°C Lufttemperatur.

 

Einsetzender Regen, egal! Belüftungsöffnungen schließen und weiter Fahren! Wenn es in der prallen Sonne allerdings wirklich heiß wird, kannst du dich leider nicht von diesem Membrane / Filz System trennen und heizt dich ziemlich auf. Das bemerke ich oft auf Touren in praller Sonne bei denen sich meine Tourkollegen bei jeder Gelegenheit die Jacken vom Körper reißen und sich kühlen wollen. Denn diese Jacken beinhalten neben der Wind und Wasser stoppenden Funktions Membrane mit Filz Unterfütterung, auch noch die wichtigen Sicherheitsprotektoren. Somit werden diese Anzüge auch gerne schwer und warm. Trotz vorhandener Belüftungs Systeme. 

 

Ich ging daher noch einen Schritt weiter und diese Entscheidung bereue ich nach etwa 60.000 Praxis Kilometern keine Sekunde.

 

Mein aktuell verwendeter Anzug stellte, als er damals der Bikerszene präsentiert wurde, eine echte Revolution dar. Der deutsche Motorradzubehör Entwickler und Händler, TOURATECH und der, sehr erfahrene, bayerischer Hersteller von Spezialanzügen, ( Polizei, Feuerwehr, Sondereinheiten ), STADLER, recherchierten und testeten mit Motorrad - Reise Profis und bauten, basierend auf deren Wünschen und Erfahrungen einen Cordura Anzug der die Protektoren in einen extrem luftigen, leichten "Sommeranzug" verbaut.

Dieser Anzug ist an sturzexponierten Stellen hochwertig verstärkt und an Stellen die statistisch erfasst,  kaum verletzt werden, so luftdurchlässig, dass du das Gefühl hast, im T-Shirt zu fahren. Auch die Hose ist nach gleichem Muster gestrickt. Protektoren schützen Rücken, Schultern, Ellenbögen, Unterarme, Hüften, Steißbein und Knie. Dennoch ist der Anzug angenehm leicht und luftig. Zigfach einstellbar und flexibel.

Die Farbgebung ist Geschmacksache. Es gab ihn in dezentem Schwarz oder wie in meinem Fall, in auffälligerer Kombination von Grau, Schwarz und Gelb. 

 

Die gelben und reflektierenden Flächen sind dabei so groß, dass der Anzug alle zukünftigen, internationalen Vorschriften erfüllt welche Andere Fahrer in bestimmten Ländern zur Verwendung von Warnwesten drängt. Und wird das Wetter wirklich ungemütlich, öffne ich meinen Seitenkoffer und ziehe mir den "Aussenanzug" drüber. Dieser besteht aus einem Z-Liner GoreTex Cordura System welches absolut wasserdicht, wärmend und atmungsaktiv ist. Da dieser Aussenanzug zwar genügend reflektierende Flächen zur sicheren Erkennbarkeit, aber keine Protektoren beinhaltet, ist er leicht und dünn genug, um in einem normalen Plastiksackerl ( fünf Liter Fassungsvermögen ) Platz zu finden.

Das Überziehen über den Sommeranzug erweist sich als sehr einfach und unkompliziert. Lange Reißverschlüsse ermöglichen das mühelose Ein- und Aussteigen trotz Stiefeln an den Füßen.  Ich stoppte mal die benötigte Zeit. Es waren etwa 1,5 Minuten, die ich zum An- oder Ausziehen des Aussen Anzuges benötigte.

 

Auch der ganze Krempel wie Mobiltelefon, Schlüsseln und Geld muss nicht um geschlichtet werden, da ein Durchgreifen in den darunter getragenen Sommeranzug jederzeit möglich ist. Der Aussenanzug wärmt, hält absolut trocken und man spürt dennoch, fein die Luft durchströmen. Niemals kommt das Gefühl von Beklemmung oder sperriger Plastikwäsche auf.

Zudem kann man den Aussen Anzug als ganz normalen Outdoor Anzug nutzen. Er wird einfach an kühlen, feuchten Tagen über der normalen Freizeitkleidung getragen. Die Hose bietet dazu sogar Gürtelschlaufen und könnte auch mittels Reißverschluss mit der Jacke verbunden werden. Somit erspare ich mir auf größerer Tour, das Mitführen einer weiteren, wärmenden Freizeit Bekeidung. Das spart neben Platz im Gepäck auch noch Geld für hochwertiges Outdoor Gewand. Dadurch relativiert sich auch der Preis.

Mir jedenfalls ist dieser Anzug zum treuen Companero ( Freund ) geworden. Er trägt seinen Namen zu Recht! Als Zubehör gibt es auch noch eine Kapuze und einen Sturmkragen aus dem selben, hochwertigen Material. 

 

Um den Retro Stil der "Guten, Alten Zeit" zu schmecken, wo Rahmen noch während der Fahrt zerbrachen, wo Zündkerzen und Vergaser noch täglich gewartet werden wollten und Bremsen noch das Gebetsleben beflügelten, bieten die meisten Motorradbekleidung Hersteller auch noch "Keflar Jeans" zum Kauf.

 

Diese sehen in Verbindung mit geeigneter Lederjacke und Jet Helm, dann echt cool aus und versprühen den Charme der Coffee Racer und Rocker der früheren Bikerszenen. 

Diese Jeans unterstützen mit harten, reißfesten Fasern, den auch sonst etwas dicker gewebten Jeans Stoff und sind dadurch in der Abriebfestigkeit, den normalen Baumwoll Jeans deutlich überlegen. Eingenähte Taschen bieten auch noch optional erhältlichen Protektoren Platz.

Wenn es mal schnell in die Stadt, oder auf eine gemütliche, kurze Tour zum Eiskaffee geht, ist das gerne auch meine erste Wahl. 

 

Ja ich weiß,  G e f a h r ! 

 

Ich glaube aber auch abschätzen zu können, dass ich auf wenigen, meist geschwindigkeitsbeschränkten Strassenkilometern, keine groben Fahr Fehler machen werde die mich aus Eigenverschulden gefährden. Das abzuschätzen, traue ich mir nach 40 unfallfreien Jahren mit Auto und Motorrad zu. Was ich mir aber nicht zutraue, ist vorauszusagen, wann mich der erste unvorsichtige Verkehrsteilnehmer vom Moped stößt und verletzt. Darum wird sich jeder Motorradfahrer die Frage, wie viel Ausrüstung benütze ich in welcher Situation, selbst und eigenverantwortlich beantworten müssen! 

 

Diese und ähnliche Gedanken beschäftigen mich auch immer wieder, wenn ich mich kilometerweit, mit einem hochwertigen, sicheren Motorrad, in den "Windschatten" eines Radfahrers hänge der bis zu neunzig Km/h schnell, von irgendeinem Alpenpass runter sticht. Auf fingerdicken Rädchen. Geschützt durch einen hauchdünnen Nylon Dress, stylischer Sonnenbrille und einem luftigen Styropor Helmchen. 

 

Für die ganz schnellen oder einfach nur sehr sicherheitsbewussten Biker, bieten die Top Hersteller DAINESE und ALPINESTARS auch Airbag-Systeme die mittels GPS-Überwachung des Fahrers und einprogrammierter Kennlinien erkennen können wann der Biker sich ausser der Norm bewegt und dann wird der Airbag innerhalb von Zehntelsekunden ausgelöst und schützt Oberkörper, Schlüsselbeine und Schultern.

Diese Bekleidung ist aber nicht nur den Racern unter uns vorbehalten sondern hängt, fein griffbereit im Motorradbekleidungsshop gut sortierter Fachhändler. Wie auch bei meinem Dealer GINZINGER. Um etwa 2.500,- Euro. Das finde ich dann, angesichts der gebotenen Technik und Sicherheit, gar nicht mal so teuer. Nur schwer sind sie, die Teile. Sehr schwer.