Wieder Samstag.

Relaxt schlendere ich die Einkaufsstrasse entlang. 

Mein Blick wandert von Auslage zu Auslage. 

„Hallo Reini! Herrlicher Tag heute! Ja, ins Ciao-Italia.“

 

Ich liebe dieses Geschäft. Da erlebe ich jedesmal die Atmosphäre einer echten Osteria. Schon trete ich durch das stilvoll geschmückte Portal. „Buon giorno!“ 

Italienische Spezialitäten wohin ich blicke. Wandbilder erinnern mich an Reisen nach Siena, nach Lucca, Spaljacio della Rocca oder rauf ins alte Volterra. 

Ganz herrlich fühle ich mich inmitten dieser Düfte. 

Pasta, Gewürze, Espresso. Wieder ringen Fernweh und Vernunft miteinander. 

Die beiden Verkäuferinnen sind wahre Experten der mediterranen Kultur. Kochen, wohnen, das Dolce Vita. Kein Thema bei dem sie klein beigeben müssten. Es ist erfrischend, mit ihnen zu palavern. Besonders über mein Lieblingsthema, italienischer Wein.

Lukullische Schätze werben verführerisch um den Gespielen der Gaumenlust. Wohl sortierte Regale an jeder Wand. Liebliche Weine voller jugendlichen Übermuts. Anders die, welche Ruhe und Weisheit des Alters verkörpern. Sie laden mich zum Verweilen ein, zum Nachsinnen über den Sinn des Alters, des Lebens. Träumerisch öffne ich die dunkle Flasche. 

„BRUNELLO di MONTALCINO 1993“, steht auf dem eleganten Etikett. „Casa  Biondisanti“,  das Elternhaus dieses „Königs der italienischen Rotweine“. 

Auf der Flaschenrückseite klebt ein Zettel. „Mario“ steht darauf geschrieben. Mit Kugelschreiber. 

Jeden Samstag komme ich hierher und genieße ein schönes Glas guten Weines. 

Gasthäuser mit ihrem Lärm einseitiger Männerweisheit mag ich nicht. In der Atmosphäre dieses Geschäftes fühle ich mich wohl. Hier kann ich atmen. Unterhalte mich mit Fremden und Freunden. Mit Männern und Frauen. Ich schöpfe aus ihrem Erfahrungsschatz. Beobachte, lausche und tausche. 

Denn wo viele Ratgeber sind, ist die Weisheit zu Hause. 

 

Laut und gestikulierend poltert ein Mann ins Geschäft. 

„Das ist doch ein Witz! Wie soll ich denn da ein brauchbares Essen kochen können?“ 

Sein Haar schwebt, Spinnweben gleich, um seinen großen Kopf und die schmalen Schultern. Aus der dunklen, viel zu großen Hornbrille stechen unruhige Augen. Suchen, prüfen und finden die Verkäuferin. Sein stoppelbärtiges Kinn zittert aufgeregt. Irritiert blickt er auf das Glas Wein in meiner Hand, auf den Ausgang, wieder auf die Verkäuferin. „Was soll ich den machen?“, ruft er aufgeregt.

 

„Bitte beruhigen sie sich doch!“ Ihre milde Stimme besänftigt ihn etwas. „Ich will ihnen ja gerne helfen.“   

„Ich brauche ein Rezept, mit dem auch ein Techniker umgehen kann! Ich bin Techniker! Was soll ich mit Angaben, die von etwas vorwärmen, ein wenig Sahne, eine Prise oder gar einer mittleren Hitze, schwafeln? Ich brauche Fakten! 

Klar verständliche Bezeichnungen“, sprudelt es aus seinem weit geöffneten Mund. „Das muss es doch geben! Oder etwa nicht? Wie soll ich denn kochen?“ 

Interessiert beobachte ich diese Szene. 

„Warum  m u s s t  du denn kochen?“, frage ich mich, obwohl ich glaube, die Antwort schon zu kennen. Wieder wurde einer der Emanzipation geopfert. Es ist doch immer das gleiche Drama! 

Just dann, wenn das Haar dünner und die Prostata dicker wird, fangen sie zu kochen an. Die Kinder sind aus dem Haus und die Frau hat die Nase voll. Will wieder leben. 

Möchte arbeiten und ein richtiger Mensch sein. 

Arrivederci Cucina! 

 

Spontan biete ich ihm meine Hilfe an. Ungläubig grinst die Verkäuferin. Warum soll ich ihm nicht helfen können?

In meiner Brust schlägt das selbe Herz! Ok! Nicht vollkommen degeneriert aber doch, das eines Technikers.

 

„Was willst du kochen?“, frage ich ihn. „Wienerschnitzel“, sagt er. „Ein normales Wienerschnitzel“. „Kein Problem“, sage ich. Ihr Grinsen wird breiter, ich mutiger.

Ein Handel! Wir vereinbaren einen Handel! 

Bis nächsten Samstag schreibe ich das Rezept. Wir vereinbaren die Übergabe hier im Geschäft. Er bekocht mich danach und dazu trinken wir, auf seine Kosten, eine wunderbare Flasche Wein meiner Wahl. Abgemacht! 

Ein „Ciao“, und schon muss ich weg. Das wäre doch gelacht!

 

Zu Hause angekommen, mache ich mich wie elektrisiert an die Arbeit. Ich weiß genau wie das Rezept aussehen muss. 

Wie eine Bedienungsanleitung eben, ein User - Manual.

 

 

 

“User – Manual for Bröselteppich.”

Nein, ich schreibe lieber Wienerschnitzel, das versteht der sicher. „Mise en place“ sagen die Meisterköche, wenn sie „Vorbereitung“ sagen wollen. Ich nenne es „Betriebsmittelbereitstellung“.

 

 

Betriebsmittel:

Mehl, Rahm, Eier, Brösel, Salz, Kalbsschnitzel, Zitrone, Butter, Preiselbeerkonfitüre, Kartoffelsalat (eine Dose).

Systemvoraussetzungen: 

Butterpapier, Fleischhammer, Unmengen an Gabeln und Löffeln, Suppenteller, Abfalleimer, Glasschüsseln, Fleischmesser, Erste – Hilfe - Koffer, Pfanne, Feuerlöscher, Fleischteller, Schneidbrett, Kunststoffbehälter mit Deckel, Fleischgabel, Salatschüssel, Küchenrolle. 

Auf geht’s zum Einkaufen.

 

Wieder zu Hause angekommen, nehme ich das Schneidbrett und meinen Schreibblock und lege die Kalbsschnitzel darauf. Natürlich nicht auf den Block!

Die Schnitzel für vier Personen haben eine ovale Fläche mit einem Durchmesser von etwa 13cm an ihrer breitesten Stelle und ein Gesamt- Nettogewicht von 80 dag. 

Ein geeigneter Fleischhammer sollte etwa 264 g schwer sein. Muss an der - in der Folge auf das Fleisch einschlagenden – Vorderseite einen Durchmesser von 45 mm aufweisen und mit Stahlnoppen versehen sein. So kann er die von mir aufgebrachte Schlagenergie von 2kg/cm2 optimal auf das Fleischgewebe übertragen. 

Sollten dabei vom Schnitzel gelöste Fleischteile durch die Luft fliegen, bitte die Schlagkraft um 35 Prozent abschwächen. Das Fleisch so lange den flächendeckenden Schlägen aussetzen, bis sich seine Oberfläche auf 125 Prozent ausgedehnt hat. Damit wird gewährleistet, dass mögliche Flachsen und Sehnen in ihrer Struktur verändert werden und das Schnitzel – wegen des unterschiedlichen Wärmeausdehnungskoeffizienten - in der Pfanne nicht verbiegen können. 

 

Jetzt die geklopften Schnitzel salzen. Stecken Sie die aneinander gelegten Daumen und Zeigefinger Ihrer Schreibhand in das Salz. Vergrößern Sie den Abstand der Finger auf 3 bis 4 Millimeter und schließen Sie wieder mit leichtem Druck, den Sie beibehalten. Jetzt halten Sie diese Hand über das vorbereitete Fleisch und reiben besagte Finger kreisförmig aneinander. Die Hand schwenken Sie dabei in der Frequenz von einem Herz über dem Fleisch hin und her. Durch das Reiben tritt eine gleichmäßig dosierte Menge Salz aus und rieselt auf das darunter liegende Gewebe. Zu wenig Druck oder zu langsame Schwenkbewegung könnte sich nachhaltig auf den Geschmack auswirken. Ist nun das ganze Fleisch gesalzen, bereiten wir das Panieren vor. 

Breiten Sie zwei 0,75 Meter lange Backpapierflächen vor Ihnen auf. Die Breite ist durch das Maß der Papierrolle bereits vorgegeben. Sollte sich eine oder beide Papierflächen ständig einrollen, müssen Sie diese umdrehen und wieder ausrollen. Jetzt sollten sie in der von Ihnen gewünschten Lage verbleiben. Andernfalls könnten sie durch Festklammern oder Kleben am Einrollen gehindert werden. 

Schütten Sie nun auf die linke Papierfläche 126,5 g glattes Mehl. Das ergibt einen Kegel mit dem Durchmesser von 14 cm und einer Höhe von 4,8 cm. Durch leichten Druck mit der Hand und begleitendem kreisförmigem Bewegen im Uhrzeigersinn wird der Mehlkegel in eine etwa 7 mm dicke Mehlfläche verwandelt. 

Das selbe Prozedere wiederholen Sie nun auf der rechten Papierfläche, aber mit 153,2 g Bröseln. 

Jetzt benötigen Sie einen Suppenteller. Nacheinander schlagen Sie 2 Eier hinein, die Sie vorher durch vorsichtiges Aufklopfen am Tellerrand an der Längsseite beschädigen. Die Beschädigung der Schale sollte so groß sein, dass Sie durch eine Geruchprobe die Qualität der im Ei befindlichen schleimigen Masse beurteilen können. Ungeeignete Qualität würden Sie relativ einfach, durch beißenden Verwesungsgeruch erkennen. 

Anschließend können Sie die Eierschalen durch Erhöhen des Fingerdrucks vollständig zerbersten lassen. Der Inhalt sollte nun in den Teller gleiten. Sollten Schalenteile mitgerissen werden, sind diese per Hand aus dem Teller zu entfernen. Jetzt dosieren Sie Süßrahm in einen bereitgehaltenen Esslöffel, bis dieser vollständig gefüllt ist, und schütten auch diesen in das Ei. Nun füllen Sie einen Teelöffel soweit mit Salz, dass dieses auf seiner offenen Oberseite eine flache Ebene bildet. Man nennt das auch „gestrichen“. Die so dosierte Salzmenge kippen Sie nun ebenfalls in den eigefüllten Suppenteller. Mit einer Gabel versetzen Sie diese Brühe nun derart in Unruhe, dass aus den verschiedenen Zutaten langsam eine schäumende, gelbe Masse entsteht. Das gelingt meistens durch beherztes Schlagen.

 

Langsam sollten Sie ein 250 g - Butterstück in eine 

E-Herd kompatible Pfanne legen. 

E-Herd kompatibel bedeutet, dass die hitzebeständige Unterseite etwa so groß wie die heiße Herdoberfläche sein muss! 

Nun können Sie die buttergefüllte Pfanne auf den Herd stellen und den für die unter der Pfanne befindlichen Herdplatte zuständigen Temperaturvorwahldrehschalter in die vorgeschriebene Richtung verdrehen. Bitte lesen Sie dafür die richtige Einstellung in der E–Herd Bedienungsanleitung ( User – Manual vor E-Herd ), oder wählen Sie die kostenpflichtige Telefonnummer ihres E–Herd Supportes. 

Vergewissern Sie sich, ob Sie mit der Bedienung Ihres Feuerlöschers auch in einer möglichen Paniksituation vertraut sind. 

 

Zurück zum Fleisch! 

Unter Zuhilfenahme einer Gabel spießen Sie das erste Schnitzel am Rand auf und heben es sorgfältig in das vorbereitete Mehl. Danach wenden Sie es, um auch die entgegengesetzte Seite mit einem mikrometerdünnen Mehlfilm zu überziehen. Der Erfolg ist durch die gleichmäßig weiße Oberfläche sofort auch optisch erkennbar. Mit der selben Technik befördern Sie das bemehlte Fleisch nun in die aufgeschlagene Eiermasse, um es sofort wieder herauszuziehen. Mit dem vertrauten Bewegungsablauf deponiert man es nun auf den Bröseln. Wieder wenden, um beide Seiten gleichmäßig zu panieren. Auf keinen Fall die Schnitzel fest in die Brösel pressen, da auf diesem Wege keine knusprige, lockere Teighülle entstehen kann. 

Wie sehen eigentlich Ihre Finger aus? Bedenken Sie, dass noch Panier für die nächsten Schnitzel benötigt wird. 

Wiederholen Sie nun den Produktionsablauf mit den restlichen Fleischteilen.

 

Was macht die Butter? Wenn Sie die Pfanne wegen des dunklen, beißenden Rauchs nicht erkennen können, war sie zu großer Hitze ausgesetzt. Versuchen Sie es mit einem neuen Stück und schalten nach 75 Prozent der gerade vergangenen Zeit auf 50 Prozent Heizleistung zurück. 

Nun legen Sie die vorbehandelten Fleischteile mit der Seite < A > nebeneinander in die heiße Butter und warten, mit durchaus begründeter Vorsicht, 3 Minuten ab. Lassen Sie sich durch das laute Zischen und Rumoren vorerst nicht einschüchtern.  

Nach Ablauf der Zeit drehen Sie die Schnitzel unter Verwendung eines nicht wärmeleitenden Werkzeugs auf die Seite < B > und warten weitere 2,8 Minuten. 

Nach Beendigung dieses Abschnittes stechen Sie mit einer handelsüblichen Gabel in eines der Schnitzel und heben die Hand. Gleitet die Gabel leicht aus dem Fleisch und sieht die Panier goldgelb und knusprig aus, brechen Sie den Erhitzungsprozess sofort ab. Nehmen Sie die Schnitzel aus der Butter um sie in der bereitgestellten Tupperware – Schüssel zwischenzulagern. Jetzt werden sie durch die Eigenwärme auf Temperatur gehalten. Haben Sie die Plastikschüssel vorher mit Küchenrolle ausgelegt, kann damit abtropfende Butter aufgesogen werden.

 

 

 

Der Kartoffelsalat ist das Einfachste!

Sie benötigen dafür eine Dose Kartoffelsalat und einen geeigneten Dosenöffner. Das Öffnen der Dose entnehmen Sie dem User – Manual vor Dosenöffner, welches dem Teil beigepackt sein sollte. 

Gleich verfahren Sie mit dem Glas Preiselbeerkonfitüre. Achten Sie aber unbedingt darauf, ob es sich dabei nicht um einen Drehverschluß handelt. In diesem Fall müssen Sie den jeweiligen Deckel mit angebrachtem Kraftaufwand gegen den Uhrzeigersinn verdrehen, bis das Gefäß geöffnet ist. 

Jetzt brauchen Sie nur noch die Zitrone in 4 Spalten zu schneiden. Das geht am einfachsten, wenn man die Frucht zuerst in zwei Hälften schneidet und diese noch einmal in gleiche Teile teilt. 

 

Das Installieren oder Anrichten:  Wir unterscheiden drei Levels: 

  • Level 1: Ohne Zitrone, mit sehr viel Ketchup, Pommes und Cola wird üblicherweise als „Donald Duck-“, „Asterix-“ oder „Kinderschnitzel“ angeboten.
  • Level 2: Ohne Zitrone und Ketchup. Immer Pommes mit einer mehligen Maggi–Sauce. Dazu viel Bier. „Piefkeschnitzel“.
  • Level 3: Mit Zitrone, Preiselbeeren, Kartoffelsalat und Weißwein, klassisches „Wienerschnitzel“.

 

Wir wählen den 3. Level.

Legen Sie den vorgewärmten Teller vor sich auf eine stabile Unterlage. Denken Sie sich darauf das Zifferblatt einer analogen Uhr. 

Mitten auf den Teller, im Bereich von 6 Uhr, positionieren Sie nun das Schnitzel. 

Bei zehn Uhr häufen sie 4 Löffel Kartoffelsalat. Bei zwei Uhr einen großen Löffel Preiselbeerkonfitüre und direkt auf dem Schnitzel die Zitronenspalte. 

 

Interne Qualitätssicherung oder: Was passieren kann.

 

  1. Panier sehr hell: Buttertemperatur zu niedrig oder Kochzeit zu kurz. 
  2. Panier blättert ab: Sie haben das Fleisch doch wie ein Irrer in die Brösel gepresst!
  3. Panier sehr dunkel. Zu lange in heißer Butter gelassen.
  4. Panier schwimmt noch immer in der Pfanne: Sie haben den Produktionsgang mit dem Mehl ausgelassen.
  5. Fleisch erreicht die Elastizität und den Härtegrad ihrer Sportschuhe: Rindfleisch an Stelle von Kalbfleisch verwendet. Ja, das macht schon einen Unterschied! 

 

Externe Qualitätssicherung: Beobachten Sie Ihre Gäste!

 

  1. Unveränderter Gesichtsausdruck auch nach dem zweiten Bissen: Noch mal gut gegangen.
  2. Schmerzverzerrtes Gesicht nach dem ersten Draufbeißen: Bitte auf Punkt 5 der Internen Qualitätssicherung prüfen. 
  3. Verfrühtes Sättigungsgefühl: Essen Sie einfach weiter und lassen Sie sich ja nichts anmerken.
  4. Besonderes Lob der Gäste für die ausgezeichnete Wahl des Ketchups: Pfeifen Sie auf ihr Selbstwertgefühl und betteln Sie ihre Frau um Vergebung an. Möglicherweise kommt sie ja doch zurück.

 

Ich selbst belasse es bei der internen Qualitätsprüfung und bin zufrieden. Durch meine Betriebsanleitung gelingt ein durchaus brauchbares Wienerschnitzel. 

 

Zufrieden trete ich am folgenden Samstag in das „Ciao Italia“. Der Techniker winkt mir schon von Weitem und wirkt sichtlich beruhigt, als er den Papierbogen in meiner Hand bemerkt. 

„Ich bitte Sie! Ich bitte Sie um Verständnis!“ Stottert er, in meine Richtung stolpernd. 

„Es ist mir unmöglich heute für Sie zu kochen. Ein dringender Termin zwingt mich, augenblicklich nach Innsbruck zu fahren. Aber den Wein bezahle ich natürlich sofort. Ich appelliere an Ihr Verständnis. Suchen Sie sich doch eine gute Flasche aus. Ich bitte Sie darum.“ 

Schnell entscheide ich mich für den „Castello di Poppiano“. Einen wunderbareren Chianti Colli Fiorenti Riserva aus dem Jahr 1998. 

Augenblicklich zückt er seine Geldbörse und bezahlt ohne weitere Regung den geforderten – durchaus ansehnlichen - Preis, nimmt das Rezept an sich und stolpert, sich mehrmals in meine Richtung verbeugend, zum Ausgang. 

 

Ich bleibe im Geschäft zurück. 

Überrascht und mit zunehmend knurrendem Magen. Was soll ich nun essen? 

Offensichtlich belustigt, beobachtet mich die Verkäuferin. Freundlich sagt sie: „Jetzt stehen Sie hier, wie bestellt und nicht abgeholt. Aber machen sie sich keine Sorgen. Ich lasse Sie nicht verhungern. Ich lade Sie ein.“ „Aber das ist doch nicht nötig“, erwidere ich erleichtert. „Wenn Ihnen meine Gesellschaft angenehm ist, wählen Sie das Restaurant und seien Sie mein Gast“. Freundlich unterbricht sie mich: „Nein, Sie verstehen mich falsch! Ich werde für Sie kochen. Ich schließe um halb eins das Geschäft, denn am Nachmittag arbeitet meine Kollegin.“ 

Überrascht willige ich in den erfreulichen Verlauf dieses Tages ein. Ein Zugeständnis muss ich allerdings machen. Ich darf beim Kochen nicht anwesend sein. Auch damit kann ich leben. Nachdem sie mir ihre Adresse und den erwarteten Zeitpunkt meines Erscheinens mitgeteilt hat verlasse ich gut gelaunt, mit meiner Flasche Wein unter dem Arm, das Geschäft. Jetzt brauche ich einen schönen Strauß Blumen. 

 

Was wird sie kochen? Sicher italienisch! Sie weiß, dass ich diese Küche liebe. Oft schwärmten wir von Fisch, Gnocci und Pasta. Ach, ich lasse mich einfach überraschen. Habe ich denn eine andere Wahl? Das zehnte Mal spähe ich auf meine Uhr. Will denn die Zeit überhaupt nicht vergehen? Die Blumen sind wunderschön. Ein weiteres Mal schlendere ich die Einkaufsstrasse hinunter und wieder herauf. 

„Was? Ja! Ich bin eingeladen! Bitte? Ja, schönen Tag auch noch. Ciao! Das Wetter? Ja, es soll schön bleiben. 

Ja, ja. Ciao!“ Mensch, wann ist es den endlich...

 

Vierzehn Uhr! Es ist soweit! Etwas verunsichert stehe ich vor der alten Holztüre. 

Kein Namensschild. Zweiter Stock, linke Türe. Das muss schon richtig sein. Ich suche den Klingelknopf. Bevor ich meinen Finger darauf drücken kann, wird die Tür langsam von innen aufgezogen. Schon erscheint ihr lächelndes Gesicht im Türspalt. 

„Kommen Sie doch herein. Ich warte schon auf Sie“. Schon nimmt sie meinen schwarzen Mantel an sich und hängt ihn auf die hölzerne Garderobe. 

„Hier bitte, die Blumen“. Ob sie ihr gefallen? 

„Es duftet ja wunderbar! Was haben sie da herrliches gekocht?“ Mitten im Zimmer steht ein großer, geschmückter Tisch. 

Geschmackvolle, alte Möbel. Ein furchiger, dunkler Holzboden. Die Wände in warmen Farben, Stillleben in Öl, bodenlange helle Gardinen. 

Während sie nach einer geeigneten Vase sucht, bittet sie mich Platz zu nehmen. „Bitte, hier an der Stirnseite. Ich werde zu Ihrer Rechten sitzen.“ 

Als sie mit einem großen Tableau aus der Küche kommt, kann ich meine Neugier nicht mehr verbergen. Ihre Wangen leuchten in zartem Rosa und winzige Schweißperlen glitzern auf ihrer Stirn. So hat sie noch nie ausgesehen. Warum wirkt sie jetzt so anders als im Geschäft? Unsicher blicke ich zu Boden. „Was gibt es denn zu essen?“ frage ich. Um mein Selbstbewußtsein wiederzufinden, öffne ich die Weinflasche. Das ist bekanntlich Männersache. Mit wichtiger Mine lasse ich den dunkelroten Rebensaft in die bauchigen, großen Gläser fließen.  „Insalata mista, Antipasti di Terra e Cotteletta Milanese“, antwortet sie, mit verschmitztem Lächeln. 

Cotteletta Milanese? Cotteletta Milanese, was war doch gleich... natürlich! Wienerschnitzel! 

Wir müssen beide aus ganzem Herzen lachen. Da bin ich ja mittlerweile Fachmann. Aber ein Vergleich kann niemals schaden. 

Augenblicklich stehen die Schnitzel auf dem Tisch. Herrlich duftend mit knuspriger, goldgelber Farbe. 

Etwas goldgelber vielleicht als meine, das muss ich schon sagen. Das machen sicher ihre Vorhänge mit dem weichen, warmen Licht. Außerdem haben meine auch anders gerochen. Irgendwie männlicher. 

Vorsichtig drücke ich die Schneide meines Messers auf die Panier und schon versinkt es förmlich im weichen Fleisch. 

„Butterweich“, höre ich mich sagen. „Ein Traum“. „Wie bitte haben sie das gemacht?“ 

In Gedanken überfliege ich mein Schnitzel–User-Manual und suche nach einer Erklärung. Warum schmeckt das hier epochal besser als meines? „Anderes Fleisch?“ „Nein“. „Anderes Mehl?“ „Nein“. 

„Wie viele Brösel haben sie verwendet? Wie viel Energie haben sie zum Frittieren eingesetzt?“ „Ich weiß nicht“. „Welche Temperatur hatte das Fett?“ „Keine Ahnung!“ 

Unfassbar! Sie hütet ein Geheimnis. Eine Zutat, die ich nicht kenne. Ich schmatze weiter. Kann nicht aufhören, diese Köstlichkeit in mich reinzuschlingen bis ich zu platzen drohe. Vergnügt und zufrieden beobachtet sie mich und endlich macht sie den Mund auf. 

„Drei Zutaten fehlen in deiner Bauanleitung,“ sagt sie mit leiser Stimme.  

„Drei Dinge habe ich noch zusätzlich verwendet. Einen Teil Gefühl, einen Teil Zuneigung und einen Teil Hoffnung“. 

 

 

Nie zuvor habe ich ein feineres Wienerschnitzel gegessen. So zart, wie die kleine Hand die so angenehm auf meiner liegt.