Nur für Männer

 

 

Zufrieden zwinkert mir mein Spiegelbild zu. 

Die sonnengebräunte, perfekt rasierte Haut schimmert wie edler Samt. 

Gerade dunkel genug um nicht unehrlich zu wirken. 

Hellblaue Augen erinnern an die Kristallseen der kretischen Lasitti-Hochebene.  

Schönheit? 

Was macht Schönheit und unvergleichlichen Sexappeal eines wahren Mannes aus? 

Mein Blick signalisiert Bewährung. 

Ähnlich dem blaugrauen Marmor aus Carrara, luminiszieren die Koteletten im Gegenlicht.

Ein Mann, nein ein Fels, welcher der anstürmenden Lebensbrandung unbeugsam die Stirn bietet. 

 

Meinen Mund umspielt das sanfte Lächeln derer, die um ihren Erfolg wissen, als ich die flirrende Betonfläche betrete. 

Hier steht mein ganzer Stolz. Er wird mich heute nach Mailand tragen. 

La vita e bella!   

 

In meiner linken Hand einen Pilotenkoffer edelsten Nappaleders. Ideal für den kurzen Cittyturn. Du kannst sagen was du willst, in Punkto Mode und Design kann den Italienern niemand das Aqua reichen. 

Dieser, wir sagen „Pilot case“, schmückte vor einem halben Jahr die PRADA Auslage in Roms teuerster Einkaufstraße. Ich musste ihn haben! 

Groß genug für meine Unterlagen und Wäsche für zwei Tage  und exclusivo wie ich.  

Wie die Luftbläschen in einem Whirlpool fühle ich die bewundernden Blicke auf meiner Haut, als ich langsam weitergehe. Hellgraue Hose, da stimmt jede Falte! Hellblaues Hemd, goldene Manschettenknöpfe. Dunkelblaues Sacco mit silberfarbigen Aufschlägen. Seidenkrawatte. Die internationale Bekleidungsvorschrift unserer Gesellschaft. 

 

Relaxt blinzle ich über die dunkle Pilotenbrille und wieder erwacht in mir die Erinnerung an das Jahr 1995. Spätnachmittag, Richtung Barcelona. 

 

Die tief stehende Sonne knallte so höllisch durch die vordere Scheibe, dass ich kein einziges Instrument ablesen konnte. 

Nur meiner mentalen Kraft verdanken wir es, dass ich nicht panisch reagierte. 

 

Ein Hupen reißt mich aus meiner Erinnerung.

Meiner Gewohnheit folgend beginne ich den Rundgang. 

Lastet doch nach dem Aufheulen des Triebwerkes enorme Verantwortung auf meinen Schultern.

 

Wie ein Laserstrahl tastet mein Blick über die weiße Außenhaut. Späht nach Lackschäden, Rissen in der Pram-Air-Beschichtung, Verschmutzungen, deformierten oder losen Anbauteilen. Alles ready! 

Jetzt checke ich das Fahrwerk auf schadhafte Bereifung und möglichem Ölaustritt im Dämpfersystem. Dann die Felgen und Radkästen. Die Verriegelung des Gepäckraumes! 

Ready!

Im mächtigen Heckflügel glüht das Rot der Abendsonne. 

Das sind die Momente, die meinen Beruf so unvergleichlich und mich so glücklich machen!

Ruhig gehe ich zur Vorderseite. Prüfe die Glasflächen auf Spuren von Stein oder Insekteneinschlägen. Man würde nicht glauben, welche Schäden der Chitinpanzer großer Käfer bei hohen Geschwindigkeiten anrichten kann.

 

Es folgt das Checken der verschiedenen Antennen. Gibt es Brüche oder Deformierungen? No Sir!

Keine Verschmutzung des Infrarot-Radar-Systemes? 

Alles klaro!

Auch die Beleuchtungsanlage arbeitet fehlerlos. 

 

Ab ans Steuer!

Geschmeidig gleite ich auf den linken vorderen Sitz. 

Eine Komposition aus Metall, Treibstoff und patiniertem Leder erfüllt meine Nase. Irgendwann verliebt sich jeder in diesen Geruch.

Mit der Routine hundertfacher Wiederholung scannt mein Blick über den Aluminium-Carbon-Instrumententräger, bleibt am Timer haften. 

Uhrenvergleich!

Auf meinem Arm thront das Superlativ unter den Fliegeruhren. Mechanischer Breitling-Aerospace-Chronometer mit Anzeige zweier unabhängiger Zeitzonen. 

Natürlich finden einige meiner Kollegen  ihr Auslangen mit einer Plastik-Swatch, aber das ist auch ein philosophisches Thema. 

 

Das schwere Platin-Armband umfasst mein rechtes Handgelenk wie die Handschelle  einer hochstehenden Kultur.

Die Zeiger ruhen über dem brillantbesetzten Ziffernblatt und zeigen exakt die selbe Zeit wie die Borduhr. 

 

Ein Altar schweizerischer Horologeriekunst. 

Ausruf elitären Lebensstiles. Grüezi! 

Gekauft, natürlich beim Hübner in der Züricher Bahnhofstrasse.

 

Die Prüfliste vor meinem geistigen Auge drängt mich weiter- zumachen. 

Ohne den Blick zu senken, greife ich nach dem Multifunktionalen Steuer und greife ins Leere. Natürlich ist es wieder verstellt! Bin ich wirklich so viel größer? 

Jedesmal muss ich eine vollständige  Justierung vornehmen. Sitzhöhe und orthopädische Rückenlehne einstellen, Entfernung zur Pedalerie überprüfen. 

Immer wieder dasselbe! 

 

Unbewusst streicht meine Hand über den Alu-Spaceball. 

Das ist der zentrale Schalthebel an meiner rechten Seite. Es versteht sich von selbst, dass ich auch die Armauflage wieder neu anpassen muss. 

Immer wieder der gleiche Trott!

Instrumentenbeleuchtung zu schwach eingestellt! 

 

Instrumente erster Priorität für Geschwindigkeit, Drehzahl und Kraftstoffanzeige. Display des Bordcomputers für die technische Systemanalyse. 

Gleichermassen befinden sich alle Kontrollanzeigen und Warnlampen für Dynamic Stability and Traction Control,  Automatik-Belt-Control und Gearbox-Modus blendfrei in meinem direkten Blickfeld.  

 

Etwas weiter rechts die Instrumentengruppe zweiter Priorität. Bordtimer, Neigungsanzeiger, Kompass, Voltmeter, Amperemeter und so weiter.

 

Darunter die Airkondition deren verstellbare Luftausstrittsöffnungen wieder präzise in alle Himmelsrichtungen zeigen. Nur nicht dorthin, wo ich sie brauche. 

Jetzt muss ich auch noch alle  Temperaturen neu programmieren. Rechts 23, Links 20. Fußraum 19 Grad Celsius. 

 

Weiter zur Kommunikationstechnik.

KP-CA-600X RDS-Data-System aktivieren. 

Das Intercept am Enhanced-Other-Network-System, den Chanal-Line-out  und Woofer, sowie den 

Mag-shuffle-Random einschalten! 

Ready!

 

Travel-Pilot DX-R - Stand-alone-Navigation-GPS-System mit integrated Dynamic-Routkontroling. 

So wie dieser Bildschirm eingestellt ist, kann den bestenfalls ein Gnom abgelesen haben. Und wenn ich noch einmal Fingerabdrücke auf dem Monitor habe, präsentiere ich mich von meiner animalischen Seite. 

 

Über das Remute-Control loade ich Standort und Zieleingaben aus dem Discdrive. Jetzt noch auf die Computerdaten warten. Reiselänge, benötigte Treibstoffmenge mit dem Tankinhalt vergleichen, nötiger Zwischenstopp usw. 

 

Nun das “Universal-wireless-Mobile-Telecomunikation System“: 

Megatalk VoiceDial, Inteligent-charchingSystem, 

Short Message Serve, Wireless Aplikation Protokolling 

und Haedset „Pilot M145“. 

 

Die Wettervorhersage meldete mögliche Gewitter über den Alpen. 

 

Jetzt, das Sacco auf die Vorrichtung hinter meiner linken Schulter. 

Konzentriert suche ich nach der optimalen Sitzposition.

 

Leicht erregt drücke ich den roten Knopf. Das war das Kommando für den Starter. Ein sanftes Vibrieren bemächtigt sich meines Körpers. Jetzt geht es los! 

Der Bordcomputer bestätigt, alle Türen geschlossen!  Auch hinten ist alles ok! 

 

Wie in einem religiösen Ritual lege ich beide Hände auf die Oberschenkel, lausche noch einen Augenblick dem Motorengeräusch . Den Blick am Horizont festgemacht. 

Jetzt umfasse ich mit fester Hand das Steuer. 

Langsam, ganz gleichmäßig lasse ich die Drehzahl ansteigen. Höher und immer höher, bis, ein letzter Blick auf die verantwortlichen Instrumente, ich die Bremse löse.

 

 

Schon vor den Augen erkennt mein sensibles Popometer,  dass wir im Begriff sind loszustürmen. Schon warte ich auf die Power, die mich in den schweren Sitz drängen wird. Auf dieses Gefühl unbändiger Kraft und Männlichkeit. 

Das Empfinden wahren Glückes als Ausdruck der...

 

NEIN! Halt! Mensch, Mensch, Mensch, Mensch! 

 

Ich spüre deutlich wie mein Blut in den Adern gefriert. Wie einen mächtigen Schlag ins Gesicht realisiere ich augenblicklich meine Notlage. 

Gelähmt starre ich auf das Gearboxdisplay. 

Einfrieren, augenblicklich jede meiner Bewegungen einfrieren! 

Jetzt keinen Fehler. Ruhig, ruhig. Geschafft! 

 

Leises Motorgeräusch, die Bremse angezogen. 

Mein Körper schmerzt wie nach einer Krampfattacke. 

Das Hemd klebt dunkelblau  an meinem Oberkörper. 

Langsam kommt auch mein Puls zur Ruhe. 

 

Wie oft? Wie oft schon habe ich gesagt...? 

Hundert-? Fünfhundertmal? 

Ja ist es denn so schwer zu begreifen welche Tragödie das auslösen kann? Welche Katastrophe man durch solche Gedankenlosigkeit provozieren kann? 

Immer wieder sagte ich: “ Den Ersten! Den Ersten!“ 

 

Welches Drama hätte sich hier abspielen können, wäre ich nicht mit diesem Instinkt gesegnet. 

Wie schnell hätte ich mir am Garagentor den neuen Heckspoiler zerkratzen können! 

 

Immer wieder ändert sie mir alle Einstellungen und zu allem Übel legt sie jetzt auch noch vor der Garage den Retourgang ein. 

 

Ach, wie sehr ich es hasse, wenn sich meine Frau den Firmenwagen leiht.