Mystizismus der zivilisierten Welt

 

Oder, Brief eines Kindes an den Hl. Martin.

 

 

Lieber Hl. Martin!

Ich wohne schon drei Jahre in Kundl. Aber das weißt du ja sowieso. Ich hab dir ja jetzt schon das zweite mal mit meiner Mama und meinem Papa ein Lichtsignal geschickt. Wie die Geheimzeichen bei den Soldaten. Du warst ja auch einmal ein Soldat, hat meine Kindergartentante gesagt.

Wir haben ganz schöne Laternen gebastelt, hast du sie gesehen? Aber sicher hast du sie gesehen, du bist ja heilig! Genau, und wie die Birgit dann ganz alleine die Kerze für dich auf den Altar hat stellen dürfen, da hast du dich sicher riesig gefreut, dort, wo du gerade bist. Wo bist du denn jetzt eigentlich? 

Aber warum hat der Herr Pfarrer gesagt, daß sie dich zum Bischof gemacht haben, und du hast nicht einmal wollen? Und warum haben sie uns gar nix von deiner Arbeit als Bischof weitererzählt? Hast du dann noch vielen Armen geholfen? Oder hast du dann keine Zeit mehr gehabt, zum Gutes - tun? 

Wenn die Großen von deinem heiligen Tag reden, dann reden sie immer nur vom Martinigansl - Essen. Hast du sie auch immer gegessen? Ich denk mir: denen ist die Gans ja wichtiger als du selber. Vielleicht hättest du besser kein Bischof werden sollen? 

Aber wie hat dir denn unser Lichtertanz gefallen? Ich hab aber von meinem Platz aus, in der Kirche, gar nicht viel sehen können. Die Kindergartentanten waren ja viel größer als die Schulanfänger, die mittanzen haben dürfen. Und so haben wir nur die Tanten gesehen, wie sie mit den Kerzen in der Hand im Kreis gegangen sind. Irgendwer hat hinter uns gesagt, daß das okkult ausschaut. Hä? Weißt du was der da gemeint hat? Aber das hat echt komisch ausgeschaut, wie ihre Gesichter von den Kerzen ganz hell waren. Und ein paar haben so lustig geschaut, wie sie „Rabimmel - rabammel” gesungen haben. Aber nicht alle, gell?

Hast du auch gesehen wie wir die Kerze für die Armen angezündet haben? Mein Papa ist einmal weggefahren und ich hab vier mal Schlafengehen müssen bis er wieder nach hause gekommen ist. Und dann hat er uns von dem Mann erzählt, bei dem er gewesen ist. Der hilft nämlich den armen Menschen in Rußland. Aber nicht wie wir. Nicht mit Kerzen. 

Er hat erzählt daß er da in einem Gefängnis ist, wo ganz viele Menschen ganz lange warten müssen. Dann werden sie krank oder tot oder arm. Dann kommt der Richter daß er sie dann wieder heim schickt. Weil die Meisten haben ja eh nichts Schlimmes gemacht. Aber das braucht immer ein paar Jahre. 

Viele Mamas haben keine Arbeit gehabt und haben was zum Essen suchen müssen. Manchmal auch in grauslichen Strassen und Häusern. Und das kommt dann der Polizei komisch vor, und die nimmt sie dann einfach mit ins Gefängnis. Dort kommen dann kleine Babys auf die Welt, die haben nicht einmal was zum Anziehen. Auch keine Decken und Teddybären. Und immer wieder werden ein paar von ihnen krank oder tot. Die sind doch echt arm, oder?  Die haben in Moskau nicht einmal Glasscheiben drin. 

Aber, wir haben jetzt eh eine Kerze angezündet! Der Papa hat dann zur Mama gesagt daß die vielen Armen jetzt sicher eine große Freude haben. Aber er hat ein bißchen traurig geschaut. Vielleicht versteht er das mit der Kerzenhilfe noch nicht. Ich weiß schon wie das geht. Die Großen, erzählen sich daß es viele arme Menschen und Kinder gibt, in der Kirche denken sie da wieder daran, dann zünden sie eine Kerze an, und schon ist den armen Kindern geholfen. Ja die können super helfen, die Großen.

Du, heiliger Martin! Wenn es nächstes Jahr schon wieder ein paar Arme gibt, dann leuchte ich dir wieder. 

Und noch was! 

Wenn ich einmal groß bin, dann will ich auch ein Soldat sein, wie du einmal gewesen bist. Oder eine Kerzenfabrik haben.

 

 

„...Rabumm.”