Der Kilometerfresser

 

 

Ich stehe vor dem Spiegel, betrachte meinen tollen, neuen Laufdress, mein cooles Stirnbändchen, meine sündteuren Laufschuhe und bin total überzeugt, dass ich soeben dem potentesten Marathonläufer der Zukunft in's sportgestählte Auge blicke. 

 

Ich weiss, dass jetzt endlich meine Zeit gekommen ist. 

Ich sehe mich an meinem geistigen Auge vorbeilaufen, ja, vorbeigleiten. Wie auf Adlers Flügeln, lautlos, erfolgreich, schön! 

Alle staunen, reiben sich begeistert und ungläubig die Augen. 

„Ja gibt's denn das?" rufend. 

Mit jedem Lauf schwinden die Kilos sichtbar. 

Die Laufstrecke scheint mir von Mal zu Mal anspruchsloser. Schon sinniere ich über  eine Teilnahme am Wienmarathon. Ein reales Ziel.

Klare Zielsetzungen sind wichtig!

Im Fernsehen sah man sogar Sechzig- und Siebzigjährige, den Marathon laufen. 

Die sagten: „Nicht das Laufen einer Superzeit ist meine Motivation, Hauptsache durchkommen, das Ziel erreichen!" 

Guter Spruch für alte Leute. Aber nicht für mich! 

Die Freunde, die Familie, die Kollegen, die werden Augen machen. Ich kenne mich besser. Weiß was in mir steckt. 

Ja! Ich habe erkannt, ich bin der Lauf! 

 

Aber nicht heute. Heute ist so ein mieses Wetter. 

Auf Morgen hat der Wetterfrosch Sonne angekündigt. Das passt besser zu meinem Konzept. Und zu meinen neongelben Schuhen mit den zarten in grau gehaltenen Designelementen. 

Ja, Morgen!

Am nächsten Tag fiebere ich meinem Karrierestart entgegen. Kann mich kaum auf meine Arbeit konzentrieren. Heute, ja jetzt, erleben wir die Geburt des Marathonopolos Marioakis.

„Ego emi“! pflegt der Grieche zu sagen. Was soviel bedeutet wie: „Jetz ich!“ 

Die Meteorologen hatten recht. Herrliches Wetter, optimale Bedingungen für mein Spaghettiträgerleibchen. In der nicht auslotbaren Tiefe meines lackierten, schwarzen Haares bricht sich das Bild der Neonschuhe, in meinem geöltem Körper der blaue Himmel und in meinen Augen ein schmales Asphaltband welches in die Ferne zeigt. 

Ich bin heiss. Heiss auf den Horizont. 

Mitleidig blicke ich der ältlichen Gestalt nach, welche soeben an mir vorbeiläuft, während ich meine Schuhe binde. Läuft ein wenig geknickt, irgendwie schief. Der schindet sich da ab. Für wen, für was? Glaubt wohl, dass er so jünger wird. 

„Träumer"! In dem Alter setz ich mich schon auf meinen Sarg, um meinen Nachkommen nicht zu sehr zur Last zu fallen, wenn mir das Licht ausgeht. 

Wem will den der alte Egoist noch was beweisen? 

Jetzt bin ich soweit, das hab ich noch gebraucht. 

„Mein Name ist Kilometerfresser!"

Wie von der Feder geschossen starte ich weg. Ganz leicht rollen die Neons über die Ferse. Verdammt guter Schuh. Haben auch „richtig Geld" dafür verlangt. Ja! Erfolg fordert auch seine Opfer.  

Ruhig atme ich in mich hinein. Ein Lächeln spielt um meinem Mund, als ich fast lautlos an dem jungen Mädchen vorbeiziehe. 

Natürlich galt dieser Blick mir! Wird sich vor Begeisterung schon alles Mögliche vorstellen, die Kleine. Gut schaut sie ja aus. Sportliche Figur, sonnengebräunte Haut. Schon bin ich 50 Meter vor ihr. „Das ist Freiheit" denke ich mir. Eine leichte Gänsehaut, ein zartes Prickeln streichelt meinen energiegespannten Körper. Fast erotisch. 

Ich bin wirklich glücklich!  

Wieder blicke ich zu ihr um. Jetzt hat sie ihre Inlineskates endlich angezogen, steht auf und läuft, in die andere Richtung. 

Vor mir taucht plötzlich der alte Knacker auf! Hundert Meter trennen ihn noch vom "Kilometerfresser". 

Ich beobachte meinen Körper, alles klar. Ein Blick auf meinen Laufcomputer informiert mich über meinen Status. Puls: 140, Laufzeit: exakt 3,8 Minuten. 

Jetzt, Alter!  Jetzt wird dich die Jugend überholen! 

Ich erhöhe das Tempo. Meine Schritte werden länger. Wie ein Gepard, der sein Opfer fixiert hat. Wie ein Torpedo schiesse ich vor. Gewaltig! Die Atmung etwas beschleunigt, erinnert mich die Situation an die Fernsehübertragung des New York Marathons. Wie der Kenianer geschmeidig an der Spitze der Verfolgergruppe lief. 

Schritt für Schritt entfernte er sich von der Masse und eilte dem an der Spitze laufenden Äthiopier nach. 

Immer kürzer wurde der Abstand. Mit jedem seiner langen grazilen Schritte. 

So auch ich! 

Lange Schritte, ja man könnte beinahe sagen Sprünge, verkürzten die Distanz zum Greis sichtlich. Mein Atem wird flacher und eilt mir etwas voraus. 

„Ganz normal bei einem kleinen Zwischenspurt" sag ich mir. Jetzt hab` ich ihn eingeholt, jetzt überholt. Ich bemühe mich, ihn mit fester Stimme zu grüssen. „Hallo! Geht’s noch?" Schon hab ich ihn hinter mir gelassen. „Das wird ihn etwas ernüchtern", denke ich mir. Man kann eben die Wahrheit nicht ignorieren. Die überholt dich eilenden Schrittes! Jetzt laufe ich um die Kurve und schon bin ich ausserhalb seines Blickfeldes. Sieg!

 

Was ist da los? Meine Schienbeine beginnen etwas zu ziehen. Leichte Schmerzen breiten sich auf meinen Unterschenkeln aus. „Ganz normal", weiß ich. Siegen ist Kampf, ist Leiden. In meiner Erinnerung wird das Bild des Äthiopiers lebendig. Er wälzt sich am Boden, der Erschöpfung nahe. Ausgepumpt. 

 

Da bin ich stärker! Keine Memme, die bei jeder Kleinigkeit zu heulen beginnt. 

Mein Computer spinnt auch. Piepst die ganze Zeit. "Puls zu hoch"! Was soll denn das? 

 

Vielleicht stimmt der eingestellte Bereich nicht. Scheiße, meine Füsse brennen. Puls: 163. 

Mein Atem ist unregelmässig. Der Puls zu hoch. Ich laufe langsamer. Puls: 150. Noch immer zu hoch! „Piep, Piep, Piep...". Verd... was soll denn das? Wenn ich noch langsamer laufen soll, bleibe ich ja stehen. 

Verzweifelt suche ich nach einer Hochspannungsleitung, die möglicherweise die Funktion des Gerätes beeinträchtigt. Sehe aber keine. Möglicherweise aber ein unterirdisches Kabel. Die könnten ihre Kabel auch wo anders vergraben, die Trottel. 

Warum brennen meine Augen plötzlich so? Ach ja, der Schweiss rinnt mir ins Gesicht. Das Stirnband ist total vollgesoffen. Ich muss es einmal auswringen. Auuuu das brennt! Ich sehe nichts. 

Mein Leibchen klebt mir am Körper wie eine zweite Haut. Schaut sicher voll geil aus. Ich hab` einmal gelesen, dass die Mädels voll auf den Geruch von frischem Männerschweiss abfahren. Aber ich sehe keine, nicht einmal eine Verschwommene. 

Hoffentlich gibt sich das bald wieder.

Au diese Schuhe tun weh! Meine Füsse sind ganz steif. Diesem Idioten von Verkäufer erzähle ich aber was. Laufbandanalyse was?! 

Au, auuu! Die hau` ich ihm aber um die Ohren!

 

Was soll ich denn jetzt machen? Ich muss stehen bleiben. Kann kaum noch gehen. Da vorne ist eine Bank. Da könnte ich mich dagegenlehnen und so tun, als ob ich einige Dehnungsübungen mache, wenn der Alte daherläuft. 

Dehnen ist total wichtig. Unverantwortlich, wer stundenlang läuft ohne dazwischen zu dehnen. Die wissen gar nicht, was sie ihrem Körper antun die Ignoranten. Da vorne, die Bank. Vorsichtig schwanke ich weiter.  

Ich schaff` es gerade noch, bevor der Greis wieder zu mir aufgeschlossen hat. Warum bleibt der denn stehen? 

Er schaut mich an, als ob er Mitleid mit mir haben müsste. „Geht`s noch?" Fragt er mich mit ruhiger Stimme. 

„Na sicher" Sollte das Geräusch sagen, welches zwischen meinen trockenen Lippen hervorpiepst. 

War das ich? War das meine Stimme? 

Was ist los? Warum schmerzt das alles so? Und besonders, wie kann man, ohne Schritte zu machen, nach Hause kommen? Wer hilft mir? 

Wer hat ein Handy? Was ist passiert? 

 

Was sagt mein Computer? Puls: 130, Laufzeit: exakt 18 Minuten und 47 Sekunden. Laufstrecke, ganze 2,8 Kilometer. 

 

Immerhin!